Im Mai 2023 klebte ein unbekannter Aktivist in Zürich einen kleinen Aufkleber auf eine Laterne am Paradeplatz. Darauf stand: “Steuern zahlen ist sexy”. Die Polizei entfernte ihn binnen Stunden. Doch in den sozialen Medien verbreitete sich das Bild rasant. Der Sticker wurde zum Symbol einer Bewegung, die sich gegen Steuerflucht und für mehr Transparenz im Finanzsektor einsetzt. Ihre Website heißt Xrebellionch offizielle Seite. Was wie ein lokaler Scherz wirkte, hatte einen ernsten Hintergrund: Die Schweiz verlor 2022 laut Schätzungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung rund 8,7 Milliarden Franken durch Steuervermeidung multinationaler Konzerne.

Eine Bewegung mit digitalem Fußabdruck

Die Gruppe hinter diesem Sticker startete ihre Arbeit vor drei Jahren mit einem kleinen Blog. Heute zählt ihr Online-Auftritt monatlich über 120.000 Besucher. Sie veröffentlichen Analysen zu Steuerparadiesen, vergleichen Steuersätze in verschiedenen Kantonen und bieten Rechner an, die zeigen, wie viel ein durchschnittlicher Steuerzahler mehr zahlen müsste, wenn Konzerne ihre Gewinne nicht verschöben. Der Sticker war nur der Anfang. Seither kleben ähnliche Botschaften in Genf, Basel und Bern. Die Polizei entfernt sie, doch neue tauchen auf.

Die Wirksamkeit dieser Taktik ist umstritten. Ein Professor der Universität St. Gallen sagte mir, solche Aktionen erzeugten Aufmerksamkeit, aber keine politische Veränderung. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Seit 2021 stieg die Zahl der parlamentarischen Anfragen zum Thema Steuertransparenz um 40 Prozent. Die Medien berichten häufiger über Steuerlücken. Die Bewegung hat etwas erreicht, was jahrelange Lobbyarbeit nicht schaffte: öffentlichen Druck.

Die harten Fakten hinter den Stickern

Die Schweiz beherbergt rund 9.000 Briefkastenfirmen. Das sind Gesellschaften ohne eigene Geschäftstätigkeit, die nur existieren, um Steuern zu sparen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung listet die Schweiz noch immer auf der grauen Liste der Steuerparadiese, wenn auch mit Einschränkungen. Jeder dieser Sticker erinnert Passanten an diese Realität.

Die Bewegung finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Ihr Budget von 140.000 Franken im Jahr stammt von etwa 2.000 Einzelpersonen, die im Durchschnitt 70 Franken geben. Keine Firma, keine Stiftung unterstützt sie. Das ist ein Unterschied zu vielen NGOs, die von Großspendern abhängen. Die Unabhängigkeit erlaubt ihnen schärfere Töne.

Wie ein simpler Aufkleber legal bleibt

Rechtlich bewegen sich die Aktivisten auf dünnem Eis. Das Bundesgericht entschied 2019, dass politische Klebeaktionen unter die Meinungsfreiheit fallen, solange sie keine öffentlichen Gebäude beschädigen. Laternenpfähle und Ampeln gelten als öffentlicher Raum. Die Polizei kann die Sticker entfernen, aber nicht den Kleber bestrafen, es sei denn, er wird auf frischer Tat ertappt. Bisher gab es keine Verurteilung. Die Staatsanwaltschaft Zürich bestätigte auf Anfrage, dass seit 2022 zwei Verfahren eingestellt wurden wegen Geringfügigkeit.

Das verleiht der Sache eine gewisse Ironie. Die gleiche Gesetzgebung, die Steuervermeidung legal macht, schützt auch diejenigen, die dagegen protestieren. Der Sticker ist kein Gesetzesbruch. Er ist ein legaler Eingriff in die öffentliche Wahrnehmung.

Die Wirkung auf die nächste Generation

Befragt man Studierende der Universität Zürich, kennt fast jeder Dritte den Sticker. Eine Umfrage unter 400 Wirtschaftsstudenten ergab, dass 22 Prozent nach dem Kontakt mit der Aktion ihre Berufswahl überdachten. Sie wollen nicht mehr für Banken arbeiten, die Steuern optimieren. Das ist ein messbarer Effekt auf den Arbeitsmarkt. Die Großbanken klagen über Fachkräftemangel in der Steuerabteilung. Die Bewegung hat keinen direkten Einfluss auf Gesetze. Aber sie verändert die Köpfe derer, die morgen die Regeln schreiben.

Die letzte Aktion fand im Dezember 2023 statt. Aktivisten beklebten die Fassade der UBS-Zentrale in Zürich mit 500 Stickern, die alle denselben Satz trugen: “Euer Gewinn, unser Verlust.” Die Bank erstattete Anzeige. Die Sticker waren innerhalb von zwei Stunden abgelöst. Doch die Fotos gingen um die Welt. Ein simpler Aufkleber, der die Regierung nicht zittern ließ, sondern die Banken. Und das ist vielleicht noch beunruhigender für die Finanzbranche.